Es ging auf das neue Jahrtausend zu, als die Organisatoren des 24h-Rennens in einer Findungsphase waren: Hochkarätige Werkseinsätze gefährdeten die bislang gültige Struktur von Teameinsätzen. Die fortschreitende Technikentwicklung führte zu immer leistungsfähigeren Rennboliden, für die die Nordschleife nicht unbedingt das ideale Revier war. Deshalb wurden ab 1994 DTM- und GT-Fahrzeuge nicht mehr zugelassen. Dies führte gleichzeitig zu einem weniger attraktiven Rennen – die Zuschauermassen wurden kleiner. Ein Tiefpunkt war 1996 erreicht, als gerade einmal 140 Teams an den Start gingen: Terminüberschneidung mit den 24 Stunden von Le Mans, keine Werksmannschaften – die Zuschauerränge blieben nur schwach besetzt. Doch schon ein Jahr später blitzte auf, was die Zukunft bringen würde: BMW und Volkswagen setzten werkseigene Diesel-Renner ein, fast gelang VW der erste Dieselsieg. Ein neues Konzept lag in der Luft, das möglichst vielen verschiedenen Fahrzeugen den Weg ins Rennen ebnen sollte.

Eine echte Nordschleifen-Anekdote datiert aus dieser Ära. 1994 überschlug sich Prinz Leopold von Bayern mit seinem Werks-BMW M3 in Aremberg. Der Zufall wollte es, dass er während des Überschlags über den 320i von Jockel Winkelhock flog und diesen nur hauchdünn touchierte. „Poldi“ schilderte hinterher: „Ich habe also nachts das Auto übernommen und Winkelhock überholt, weil ich im Regen immer sehr schnell fahren konnte. Ich drehte mich dann aber mit 150 km/h in Aremberg, touchierte einen Kerb von hinten, stieg vorne hoch und drehte mich in der Luft. In diesem Moment kam aber Jockel Winkelhock wieder angebraust. Ich stand also auf dem Kopf mit meinem Auto und durch den Rückprall von der Leitplanke und das anschließende Aufsteigen meines Autos flog ich im wahrsten Sinne des Wortes quer über die Straße und über sein Auto. Dabei erwischte ich mit meiner Heckschürze den Scheibenwischer an seiner Frontscheibe und riss ihn ab, so dicht waren wir uns gekommen!“ Winkelhock funkte später an die Box: „Jockel an Box, kommen!“ – „Ja, was ist denn los, Jockel?“ – „Der Poldi hat mir gerade den Scheibenwischer abgerissen!“ – „Was? Wie hat er dir den Scheibenwischer abgerissen?“ – „Der ist mit seiner Karre über mein Fenster geflogen und hat mir den Scheibenwischer abgerissen. Ich komme an die Box, weil ich einen neuen brauche!“

Chronik: Neuorientierung 1994 – 1997

1994: Die Organisatoren bremsen die stärksten Klassen ein. DTM- und GT-Fahrzeuge sind nicht mehr startberechtigt, die größten zugelassenen Fahrzeuge sind Gruppe-A-Boliden, die sich als zu anfällig erweisen. Im Feld mit 142 Startern dominieren schließlich die Gruppe-N-Fahrzeuge. Fred Rosterg / Karl-Heinz Wlazik / Frank Katthöfer triumphieren im Heico-M3 E36 vor dem sensationellen Zweiliter-Kreis-Opel Astra der Fritzsche-Zwillinge Jürgen und Heinz-Otto, die sich das Cockpit mit Jürgen Baumgarten teilen. Erneut sorgt auch das Wetter für Spannung: Diesmal ist es ein Sturm, der zu einer Unterbrechung von 7:00 bis 10:00 Uhr zwingt, da Gefahr für Besucher und Teilnehmer besteht – unter anderem müssen Zuschauerbereiche geräumt werden, nachdem im Streckenabschnitt Hatzenbach Bäume umgestürzt sind.

1995: Seit dem Verbot der GT-Fahrzeuge ist an der Spitze die Luft etwas raus. Als einziges Werk ist BMW vertreten, für das die zahlreichen Privatiers leichte Beute sind. Die Bayern machen sich diesmal eher selbst das Leben schwer, denn Jockel Winkelhock und Harald Grohs zerstören jeweils einen Werks-M3. Roberto Ravaglia / Marc Duez / Alexander Burgstaller gewinnen im BMW 320i im STW-Trim mit dem Rekordvorsprung von acht Runden vor dem Gruppe-N-M3 E30 von Johannes Scheid / Hans Widmann / Ingo Jeleniowski.

1996: In diesem Jahr schlägt die Stunde der Nürburgring-Spezialisten. Lokalmatador und Publikumsliebling Johannes Scheid leiht sich vom Werk einen Gruppe A-Motor, den der Kottenborner in seinen BMW M3 E36 im Gruppe-N-Trim pflanzt. Der Aufwand lohnt sich: Scheid siegt gemeinsam mit Sabine Reck und Hans Widmann mit vier Runden Vor¬sprung vor den Markenkollegen von Bonk und Tischner. Die aus Nürburg stammende Sabine Reck (die heute wieder Schmitz heißt) ist die erste Frau, die beim 24h-Rennen ganz oben auf dem Podest steht.

1997: BMW und Volkswagen kehren mit Werkseinsätzen in die Eifel zurück – mit Dieselfahrzeugen. Während der einzige BMW 320d sowie einer der beiden VW Golf mit technischen Problemen ausfallen, kämpft der verbliebene Werks-VW bis zum Schluss um den Sieg mit. Nur der erneut mit einem Werksmotor bestückte BMW M3 von Scheid Motorsport kann den ersten Diesel-Gesamtsieg verhindern. Bei wechselhaftem Wetter in der Schlussphase haben Johannes Scheid / Sabine Reck / Hans-Jürgen Tiemann / Peter Zakowski das bessere Feeling bei der Reifenwahl und gewinnen mit einer Runde Vorsprung vor Kris Nissen / Christian Abt / Jürgen Hohenester.